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Rezension: Der Tag der Befreiung

#1 Mitglied ist offline   homemoviecorner Symbol

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Geschrieben 24. Februar. 2006, 20:19 Uhr

Da wir leider derzeit zeitmäßig nicht imstande sind, unsere Site regelmäßig upzudaten, bin ich provisorischerweise auf eine andere Site umgestiegen.

Der Tag der Befreiung
Gesamtbewertung ** 1/2

Der schon etwas schwerhörige Dirigent Kirchhoff hat nur eine einzige Freude: Seinen Hund Stravinski, den er verbotenerweise im Altersheim hält. Nur sein Zimmernachbar, der alte Herr Förster, weiß Bescheid – und das nützt der auch weidlich aus. Der 15-minütige Kurzfilm ist die Abschlussarbeit eines Doppelstudiums von Martin Blankemeyer. Film zum Downloaden.

Weiterlesen hier: http://www.fm5.at/artikel.php?id=1481
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#2 g_Martin Blankemeyer*

  • Gruppe: Gast

Geschrieben 04. April. 2006, 17:47 Uhr

lieber rodja, liebes hmc-team:

ich war mir gar nicht (mehr?) bewußt, dass ich meinen kurzfilm "der tag der befreiung" bei euch eingereicht habe, aber jedenfalls habe ich gerade seine rezension entdeckt. und da stellt sich mir nun die spannende frage: kann man sich über einen verriss freuen? ja, denn ich finde es grossartig und bemerkenswert, wenn sich überhaupt jemand mit kurzfilm im allgemeinen und meinem kleinen film im speziellen beschäftigt - und wenn das dann noch so ausführlich und liebevoll geschieht (und ich meine das ganz unironisch), dann ist das viel mehr, als ein kurzfilmmacher heutzutage erwarten darf.
nun erfährt man gegen ende eurer rezension nach viel durchaus auch positiven eindrücken, dass euch das ende dermassen missfallen hat, dass die ganze bewertung schlecht ausfällt. da seid ihr nicht die einzigen: diese reaktion erlebe ich bei den vorführungen des films immer wieder, und zwar bei einem durchaus beachtlichen teil des publikums.
ihr vermutet nun, dass das ende eine kurzfristige änderung sei, um "mehr pep" in den film zu bringen - und ich kann euch berichten: da irrt ihr. aber von vorne:
der film nennt sich zwar abschlussfilm, ist aber ein erstlingswerk. bei dem komischen studium, das ich da hinter mich gebracht habe, hab ich zwar bisweilen ein bisschen rumgefilmt, aber zu einem ernsthaften projekt kam es nie. motiviert durch einen freund von der münchner filmhochschule habe ich eines abends nach einer flasche absinth und mehreren flaschen südfranzösischen rotweins beschlossen, den anstehenden abschluss meiner studierei als vorwand zu nutzen, mir den traum vom eigenen kurzfilm zu erfüllen.
(===SPOILER===)
die ausgangsidee war simpel: ich wollte einen film über einen gerettenen machen, der sich für seine rettung an seinem retter rächt - ein phänomen, dass mir bisweilen im alltag auffällt und das mich sehr beschäftigt, ich nenne es das "umgekehrte-stockholm-syndrom", aber es gibt auch wissenschaftliche betrachtungen z.b. in der transaktionsanaylse, dort bekannt unter dem namen "opfer-täter-retter-modell" oder englisch "drama triangle", beschrieben z.b. von stephen b. karpman.
nach dieser vorgabe hat mir der münchner autor martin östreicher das drehbuch geschrieben, das im wesentlichen auf der stellvertreterfunktion benders für den zuschauer basiert. wir sehen, wie übel förster kirchhoff mitspielt, bender sieht das, der zuschauer sieht, dass bender das sieht - und soll die ganze zeit denken: jetzt tue endlich was! misch dich endlich ein! und am ende, wenn bender sich endlich ein herz nimmt, kriegt er dafür eins drauf. in buch und film finden sich eine fülle von erklärungsansätzen für dieses verhalten: der deutsche untertanengeist und das glück in der abgabe von verantwortung, symbolisiert durch die wehrmachtswaffe p08, eine sexuelle, genauer masochistische komponente, symbolisiert durch die ex-pornoqueen gina wild, eine politische komponente, angedeutet durch den titel des films und und und - und verständige zuschauer haben mir immer wieder auch von weiteren erklärungsansätzen berichtet, die mir nicht aufgefallen waren und/oder ihrer eigenen lebenswirklichkeit entspringen. eine zusätzliche ebene entstand jedenfalls für mich noch dadurch, dass die dreharbeiten (ungeplant) parallel zu operation enduring freedom stattfanden, der zweiten us-offensive im irak. da jagen die us-truppen den diktator fort, der sein volk seit jahrzehnten misshandelt - und schon nach wenigen tagen demonstrierten irakis im fernsehen gegen den us-imperalismus...
(===SPOILER ENDE===)
nun sind die reaktionen ganz unterschiedlich: ein teil der zuschauerschaft erkennt in dem ende parallelen zu eigenem erleben und bewertet daher den film im grossen und ganzen positiv, während ein anderer teil mit urteilen zwischen "schöner film, aber ich versteh das ende nicht" (was für mich in anbetracht der prämisse natürlich schon vernichtend ist) und ausformuliert ablehnenden haltungen wie der euren reagiert. das mag daran liegen, dass ihr das glück hattet, mit dem phänomen bisher nicht konfrontiert zu sein, aber sicherlich auch daran, dass man an dem film einiges besser machen kann. es fehlen dutzende von blicke benders, die seine stellvertreterrolle für den zuschauer hätten erreichen können, und die auflösung und vor allem der rhythmus stimmt am ende nicht, das habt ihr ganz richtig bemerkt. ich habe damals versucht, alle einstellungen im speisesaal mit den komparsen aus dem seniorenheim an einem tag runterzureissen - ein wie sich herausstellte absurdes pensum. von den geplanten einstellungen haben wir etwa die hälfte gedreht, und beim streichen on-the-fly sind leider auch shots unter die räder gekommen, die es dringend gebraucht hätte. das alles unter den üblichen bedingungen einer studentenproduktion, bei glatteis draussen, einem produktionsbully mit totalschaden (auf glatteis an einen baum gefahren...) und einem rückblickend betrachtet absurden continuity-bemühen um richtige anschlüsse beim fortgang des senioren-kaffee-und-kuchen - es war halt wirklich ein erstlingswerk...
bisweilen begegnen mir nun menschen, die mit dem ende des films nichts anfangen konnten und danach in ihrem leben mit einer situation konfrontiert wurden, die die gleiche struktur aufwies - "das war wie in deinem film". das freut mich dann schon...
also: man kann das phänomen nicht kennen, man kann es bestreiten, es mag unzulänglich umgesetzt sein - aber mal schnell hingeändert ist das ende nicht! ich denke extrem vom ende her und bekomme immer zustände, wenn mir andere filmemacher ganze plots erzählen, um dann zu berichten, mit dem ende wären sie sich noch nicht sicher. das ende muss als erstes feststehen, und der film hat die aufgabe, das one-and-only denkbare ende herzuleiten und zu motivieren. das ist bei "der tag der befreiung" eben nur leider nicht ganz geglückt...

und so komme ich zu folgender bewertung eurer rezension ;-)
objektivität: ****
sachverstand: ****
wohlwollen: ***
schreibstil: *****
gesamturteil: ****

ps.: ihr habt den d.o.p. in den credits vergessen: luy briechle. emanuel war der operator (und zwar ein sehr guter!), aber die bildgestaltung lag in luys händen.
pps.: und ihr habt vergessen, die musik zu loben! die ist nicht von mir, das darf ich also sagen...
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